um 1967/68

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Aufzeichnung um 1967/68

Die Übereinstimmung von Realität als der anschaubaren normal vorhandenen Umwelt mit der Wirklichkeit als der vom Menschen zum Verständnis seiner Existenz notwendigen erschaffenen geistigen Formulierung seiner selbst besteht nicht mehr. Weder Religion noch Mythos noch Magie können, wie es bisher möglich war, Deutungen unterstützen. Allein – wie Heisenberg sagt – steht der Mensch heute sich selbst gegenüber, ohne das sogar noch eben so brauchbare Nichts der Antitranszendenz.

Das Abendland, dargestellt durch die drei Säulen Römisches Recht, Griechische Antike mit Platos Universalharmonie und Christentum ist zu Ende gegangen. Die Idee der prästabilierten Harmonie gibt nichts mehr her, die Idee der Transzendenz daher auch nicht, jedenfalls reicht ihre Kraft nicht mehr für Kunst, das Recht ist eine Frage.

Europa, ohne geistig-vital wirksame Grundlage des Abendlandes, hat seine führende Stellung verloren und ist Modellfall äußerer Lebensformen und technischer Möglichkeiten geworden. Natürlich wirkt es wie andere bedeutende Teile der Welt als Intellektualität und geistige Kraft. [Aber:] Die Welt ist nicht mehr europäisch formuliert, sie ist global. Alle Weltentwürfe wirken mit.

Diese Situation, die für den europäisch instrumentierten Menschen – Europa und Amerika – eine Entleerung mit sich bringt, macht, wo die Bollwerke eingerissen sind und die Vermassung aufkam, leicht der Banalität Platz. Diese Wendung zur Banalität erstand [entstand] in Amerika und mit heftiger Ironie gewürzt zugleich in England. Die Vertreter dieser Banalität berufen sich auf den Dadaismus, jene Antikunstbewegung, die in Zürich ihren Anfang nahm und in Berlin ihr Ende fand, während und kurz nach dem ersten Weltkrieg. Wollte jener Dadaismus die Freiheit der Persönlichkeit gegen entleerte Ideen und Ideale wiedererobern und gegen Vermassung, Verdummung und Zerstörung ankämpfen, so wollen seine Epigonen nichts anderes als die Banalität der Vermassung heroisieren. Bestenfalls, so kann man resümieren, ist die heutige Pop, Op, etc. Bewegung ein nicht unbrauchbarer Reinigungsprozeß, durch den die letzten Reste von Pathos, Idealität, falscher Humanität und Transzendenz ausgeräumt werden und Platz geschaffen wird für neue tabufreie bildnerische Tätigkeit. Daß viele diese Banalitätsschaubilder für Avantgardismus halten, ja für die Kunst der Zukunft, ist lächerlich.

Nach amerikanischer Definition handelt es sich bei dieser Antikunstbewegung um die Herstellung von Schaubildern ohne künstlerische, formale oder geistige Ambition, Schaubildern, die, da sie eindeutig naturalistisch und ungeformt sind, nicht mehr visuell erfahren, sondern mit dem Tastsinn erfaßt werden und durch den Tastsinn Gefühle emanieren – wie die comic strips und Plakate. Die Definition ist amerikanischen Ursprungs.

Die amerikanische Grundform der Transzendenzmöglichkeit spricht sich in der Verdinglichung aus. Diese Verdinglichung, diese grundsätzliche Vorstellungsidee der amerikanischen Massen, wird sichtbar gemacht durch das Schaubild, d.h. das ungeformte Bild. Ohne Fähigkeit zur Reflexion, vor allem zur geistigen Umdeutung, steht der Massenmensch Amerikas ohne Zwischenraum – den heilsamen Zwischenraum der Europäer – in dichter Nähe zur dinglichen Umwelt. Eine Sache, irgend etwas, eine Konservenbüchse, eine Hand, in krassem, illusionistischen Naturalismus dargestellt, emaniert durch Ertasten dieser illusionistischen Dinge Gefühlsregungen. Das ist also die eine Seite der heutigen Äußerungsformen, das Schaubild der Banalität.

Auf der anderen Seite findet sich das geistig-vital geformte bildnerische Flächenereignis, das visuell wahrgenommen wird und als Gegenüber zum bewußten, tabufreien Menschen erfahren wird. Dieses Bild ist von Ortsfixierungen unabhängig, es entsteht in Amerika, in Europa und überall, ist also global. Das geistig geformte bildnerische Ereignis beruht im Sinne der Liberation der Malerei des beginnenden 20. Jahrhunderts auf der Ambition, geistig formale Gestaltung als Gegenbild zu erfinden. Voraussetzung ist der von allen Tabus befreite Mensch, ohne Transzendenz, ohne Materialisierung, ohne Mythos, ohne Magie, ohne verbrauchte Ideale. Das in Amerika in den Massen nicht Vorhandene ist der Motor zur Banalität, das in Europa Abgelehnte, von der Intelligenz abgelehnte, ist der Motor zur neuen Geistigkeit.

Für die geistige, also die Kunst heute, ist der Gedanke bestimmend, daß das Äußerste an Abstraktion befähigt ist, das Menschlichste des Menschen anschaubar zu machen. Der Mensch tritt nie deutlicher zutage, als in der freiesten Erfindung der Abstraktion.

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von E.W.Nay