um 1967/68

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Aufzeichnung um 1967/68

Der Titan-Künstler der Renaissance ist nicht der Künstler von heute. Propheten wollen wir deshalb noch lange nicht. Aber auch nicht Lehrer.

Geometrie, Illusion, Mythos, diese drei Formulierungen gibt es heute nicht mehr. Die moderne Mathematik betreibt keine Geometrie, die Illusion ist ein Restbestand der Renaissance. Wirklichkeit und Form sind nicht mehr durch Illusion miteinander zu verbinden. Mythos, davon hatten wir gerade genug. Auch die dingliche Welt zu mythisieren, wie das die Pop-Leute tun, ist nicht gegenwartsgemäß.

Therapie? Kunst als Therapie? Das ist eine Frage und der Definition wert.

Der Psychologe nennt den heutigen Menschen schizothym, d.h. bei gesundem Urteilsvermögen und gesunder Bewußtheit gespalten in Bewußtheit und Primitivität. Wo alle bisherigen europäischen geistigen und subjektiven Entdeckungen wie intellektuelle Überzeugungen die Kombination von Bewußtheit und Primitivität als Harmonie nicht mehr zuwege bringen, ist das Auseinanderfallen nun allen sichtbar. Und die Filmleute haben die Primitivität – um sie abreagieren zu lassen – besser vorgeführt als die Maler, die das Grauen malen wollen aus [als] Therapie.

Filme wie Blow up, die Darstellung der Gleichgültigkeit des Dandytums, wie Bonny und Clyde, die schärfste Brutalität verbunden mit der Liebesromanze – die Verbindung aber zeigt einen psychoanalytisch wichtigen Defekt des Mannes auf, Mord und Totschlag, wieder die Gleichgültigkeit, die Dinge und die Welt ohne Differenzierung zu leben und zu nehmen, wie es eben geht, und sich irgendwie zu arrangieren – da ist die einzig scharfe Form der Therapie zur Auflösung der Primitivität.

Bleibt die Bewußtheit, die zusammengebunden werden soll mit der Primitivität. Dies aber ist die Stellung des Künstlers heute. Er hat die schizothyme Spaltung der Gegenwart als sein Wesen an sich und ist aus sich gezwungen, die Kunst als Therapie für sich selbst zu benutzen. Er stellt seine Kunst an die Öffentlichkeit und die Menschen mögen dem Kunstwerk [die] Therapie entnehmen. Der Künstler ist also nichts als ein Teil der ganzen Menschheit, weil er einmal die Gegensatzmerkmale der Menschheit unverblümt in sich trägt, und besonders, weil er in der Lage ist, diese extreme Spannung von Bewußtheit und Primitivität zur Anschauung zu bringen, d.h. durch ein formales System hindurch, dessen er als Methodik der Therapie bedarf, beides, Bewußtheit und Primitivität, als eins vor Augen zu führen. Darum sind Bilder heute jedem zugänglich, soweit er nicht Vorurteile hat, Vorurteile, deren es heute gerade genug gibt, besonders bei den albernen Kunstmanagern, die die Mathematik Euklids, die Optik von Helmholtz zur Idee der Kunst der Gegenwart erhoben sehen wollen.

Die Bilder heute, bei denen, wenn diese Begabung vorliegt, die Farbe formal gesetzt, aber natürlich von den meisten Betrachtern emotional empfangen wird, sind leicht zu lesen, vorausgesetzt, daß der Betrachter nichts anderes tut, als sie zu lesen, anzuschauen, und nicht, wie besonders die sogenannte gebildete Welt, es wünscht, erhoben zu werden oder sich wiederzuerkennen.

Die Massenmedien? Das ist Amerika und nur dessen undifferenziertester Teil. Der differenzierte Mensch, ob gebildet oder nicht, Amerikaner oder nicht, ist nicht in der Lage, einmal diese amerikanischen Massenmedien zu erzeugen, zweitens darauf kritiklos oder überhaupt zu reagieren.

Der Künstler heute also ist wie der Schamane der Sibirvölker, ein Mensch, der in der Lage ist, sich selbst zu heilen, sich selbst psychoanalytisch zu behandeln und dies durch bildnerische Formulierungen, die – losgelöst von seiner Person und Individualität – den anderen Menschen zur Verfügung stehen zu bewußt gefühlter oder unbewußter Therapie.

In Deutschland fängt man eben an, etwas die Psychologie zu beachten und der Psychoanalyse, die sich längst über die Freud’sche Idee der Sexgrundlage alles Psychischen hinausentwickelt hat, Raum zu geben. Aber noch ist das in der Öffentlichkeit Geheimlehre statt Selbstverständlichkeit.

Der Wandel zum Bewußtmachen psychischer Vorgänge und zugleich zum umfassenderen Denkvermögen der Bewußtheit, geht heute durch alle Menschen. Die Kunst der Menschen, die schizothym sind wie ihre Mitmenschen, zeigt dies.

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von E.W.Nay