ArchivOktober 2023

30.10.1939

Aufzeichnung vom 30.10.1939

Grund und Ziel der Malerei

Unterbewußt beginnend entstehen Bilder. Der junge Mensch malt, nichts wissend und nichts ahnend und, wenn er begabt ist, entstehen die schönsten Frühwerke. Eines Tages meldet sich die naturgegebene Krise der Bewußtwerdung, die Erkenntnis, der Künstler sei, oder überhaupt erst mal, daß der Künstler ist, der Künstler sei der Bewußte, um das Umfassende des Lebens Wissende. Und der zieht aus, das Gruseln zu lernen. [...]

um 1939

Aufzeichnung um 1939

Als späteste der Künste fand die Malerei die freie geistige Gestaltung. In vielen Versuchen, die vom Ausgang des 19. Jahrhunderts bis jetzt unternommen wurden, löste sich das form- und farbgewinnende Gesetz vom Motiv, sinngemäß, denn das Motiv hat seine Bindungen im Geistigen, Religiösen verloren. [...]

um 1939

Aufzeichnung um 1939

Die Dämmerung töten, Tag oder Nacht, Nacht am Tage, Tag in der Nacht. Und warum nicht über diese Probleme nachdenken oder davon sprechen.

Die müden Seelen, die der mystifizierenden Aufpeitschung bedürfen, die ihrem ›Betrieb‹ das Kontemplative entgegenzusetzen für nötig halten, haben natürlich Angst vor dem hellen Licht des Bewußtseins, daß diesen Traumplunder zerstört. [...]

um 1939

Aufzeichnung um 1939

Über das Ich des Künstlers

Im Sinne der mythischen Gebundenheit, des Einsseins mit der solaren und in der Überwindung der lunaren Realität – Formung des Chaos im Zeichen von oben, Zeichen der Überrealität, klare, starke, harte, einfache Formung – das sakrale Bild. [...]

um 1939

Aufzeichnung um 1939

Vom Protestantismus habe ich mir das Rebellentum behalten, vom Humanismus die Klarheit, die geistige Disziplin. –

um 1939

Aufzeichnung um 1939

Vier Arten der menschlichen Empfindung:

1) die Sentimentalität – unterste Stufe
2) die Romantik
3) die Mystik
4) die Mythik – höchste Stufe. [...]

23.12.1940

Aus einem Brief an Erich Meyer, Frankreich 23.12.1940

[...] ein frohes Weihnachten und ein frohes neues Jahr. Man soll ruhig ›froh‹ sagen, wenn man sich auch nur darüber freuen kann, daß man Haltung bewahrt. [...] Man soll nicht zuviel verlangen und eben zufrieden sein mit dem, was möglich ist. Was allerdings nur für die äußeren Dinge des Lebens gilt. In der Kunst stelle ich die höchstmöglichen Ansprüche und suche sie zu erfüllen. [...]

10.2.1943

Aus einem Brief an Günther Franke, Frankreich 10.2.1943

[...] gestern Abend hatte ich eine Begegnung, die Sie interessieren dürfte. Ich war zu Gast bei dem Generalintendanten von Lilienthal aus München. [...] Auch er ist von der absoluten Zukunft meiner Kunst überzeugt. Und auch ich glaube wohl, daß hier unter den Schmerzen einer Orkanzeit die neue europäische Malerei entsteht. Sinngemäß im Kriege, sinngemäß unter Opfern und Nöten, sinngemäß im aufbrennenden Chaos. [...]

27.2.1943

Aus einem Brief an Günther Franke

[...] Ich weiß, daß ich die Malerei der Zukunft mache, es wird das schon von einigen erkannt – und ich glaube, daß die Zukunft nicht mehr allzu fern ist. Daß sich hier neues europäisches Maß anbahnt, ist nicht mehr zu bezweifeln. Noch aber ist es gut und gnädig vom Schicksal, ein kleiner Obergefreiter zu sein. [...]

29.3.1943

Aus einem Brief an Günther Franke, Frankreich 29.3.1943

[...] Ganz ohne Zweifel ist das Bild, dessen Titel übrigens noch nicht ganz richtig getroffen ist – in der Trostlosigkeit der Berliner Luft kann einem das Richtige nicht einfallen –, eins meiner besten Bilder und eins der wichtigsten [›Komposition mit vier Frauen‹]. Gosebruch* findet nicht mit Unrecht, daß es die Erfüllung meiner bisherigen künstlerischen Arbeit bedeutet. [...]