Jüngste Texte

17.1.1944

Aus einem Brief an Günther Franke, Frankreich 17.1.1944

[...] Ich arbeite mit höchster Kraft und kann mit den Ergebnissen ganz zufrieden sein. Seit Weihnachten jeden Tag von 7 Uhr morgens bis 11 Uhr abends im Trab – Dienst und Malerei. Ich bin natürlich etwas überanstrengt, was sich aber der Malerei nicht mitteilt, da die äußerste Kraft auch äußerste Disziplin bedeutet. Meine Disziplin, die so ganz anders als die preußische ist, der ich mich nun schon vier Jahre füge. [...]

28.12.1945

Aus einem Brief an Erich Meyer, Hofheim am Taunus 28.12.1945

[...] Meine Bilder sind stark farbig und vielfarbig und sehr malerisch – frei gemalt. Ich bin gerade dabei, wieder einen Sprung vorwärts zu tun. Farbige Dynamik, Flächenrhythmus, Ornament und Relief, das waren bisher meine Mittel um den Raum der Malerei zu gestalten. Dafür habe ich äußerst vorsichtig bisher davon abgesehen – wie es auch dem Geiste meiner Kunst [entspricht], die das magisch-zaubrische jetzt stärker betont als bisher, – Raumtiefen mit diesen Mitteln darzustellen. Das muß jetzt geschehen. [...]

25.2.1946

Aus einem Brief an Erich Meyer

[...] Die entscheidenden Jahre meiner Entwicklung als Mensch und als Künstler waren die Jahre 1942-44. Ich habe da die ganz seltene Einheit zwischen Leben und Kunst erlebt, wobei die Hauptrolle eine außergewöhnliche Frau spielte, die zur Zeit unerreichbar fern ist. Das Märchen von einem, der auszog das Gruseln zu lernen. Lesen Sie es nach! [...]

10.6.1946

Aus einem Brief an Erich Meyer

[...] Völlig in der Arbeit versunken, habe ich die letzten fünf Wochen keinen Brief schreiben können, dafür aber sieben neue Ölbilder gemalt, die – eine reine Farbenpracht – nun fertig im Atelier stehen. [...]

[›Thais und Anna‹] ist ein gutes Bild, schon weil, das Urerlebnis Möglichkeit und Unmöglichkeit der Heimkehr so offen und bloß in der Gegenwart steht, so stark wie des Ödipus Schicksal, und daher ein heftigstes Stimulans für die Palette hergab. [...]

1.10.1946

Text eines Faltblattes zur Ausstellung ›E. W. Nay‹
Galerie Günther Franke, München, Oktober 1946

Ernst Wilhelm Nay über sein Schaffen

Die in der Physik sich andeutende Kulmination, wie sie sich durch die neuesten Ergebnisse der Forschung bereits abzeichnet, die Entlassung aus menschlicher Gleichung und anthropomorpher Perspektive, ist der Gegenpol der Kulmination, die dem Künstler den Weg zu den Urerlebnissen der Menschheit freimacht, den zu begehen die europäische Welt durch die betonte Abhängigkeit vom Intellekt behindert war. [...]

17.12.1946

Aus einem Brief an Elly Nay

[...] Du kannst es glauben, das Eis ist nun gebrochen. Überall diskutiert man meine Malerei. [...] Es kommt alles von selbst. Ich muß nur arbeiten, und das ist, abgesehen vom Geistigen, mühselig genug. Aber, daß ich nicht locker lasse und mich nicht auch nur für kurze Zeit zur Ruhe setze, kannst Du ja annehmen. [...]

24.12.1946

Aus einem Brief an Erich Meyer

[...] Im Januar zeigt nun Vömel[1] die zweite Ausstellung in Düsseldorf, wohin mich Mataré als Malprofessor gern gehabt hätte. Doch muß ich malen und würde mich an solch eine Tätigkeit zu sehr engagieren. Meine Malerei wird zur Zeit heftig diskutiert, ich bin sozusagen der umstrittenste Maler der Gegenwart. [...]

um 1946

Aufzeichnung um 1946

Anleitung meine Bilder zu sehen

Es gibt für mich nur eine Forderung: die Verwandlung der absoluten Malerei in die objektive Malerei. Malerei als geistige Gestaltform in hoher Bewußtheit geübt, Objektivität als Einssein mit dem kosmischen Universum, das nicht der Mensch wiedergestaltet, sondern das ihn formt. [...]

um 1946/47

Aufzeichnung um 1946/47

Der Künstler ist nicht berufen, der Allgemeinheit einführende Erklärungen über seine Kunst oder über seine Auffassung über die Kunst abzugeben. Dazu sind andere da.

Wenn er spricht, so kann er nur auf der Höhe seines Werkes sprechen und setzt somit vieles voraus, wovon nur der Eingeweihte weiß. [...]

30.3.1947

Aus einem Brief an Willi Baumeister

[...] Bruchstücke unserer Unterhaltung in einer törichten Atmosphäre geben den Anlaß zu diesem Brief, dessen Inhalt eigentlich ein Gespräch in Ruhe hätte erledigen können. Hätte ich in Stuttgart ein Hotelzimmer gehabt, wodurch ich des Gefühls, anderen zur Last zu fallen, enthoben gewesen wäre, so wäre ich um dieses Gespräches willen, um das ich Sie dann gebeten hätte, noch dort geblieben.

Aber ein Brief hat auch seine Vorteile. [...]